Ein Überläufer ist ein Mitarbeiter eines Geheimdienstes, der
sich der Gegenseite offenbart.
Das Überlaufen kann durch Flucht oder durch Andienung
geschehen.
Ein bekannter Überläufer des
MfS war deren Oberleutnant der
Hauptverwaltung Aufklärung Werner Stiller. Er flüchtete am 19. Januar 1979 mit
einem gefälschten Dienstauftrag nach West-Berlin. Stiller lieferte dem
BND die Namen von
über 50 DDR-Agenten, die im westlichen Ausland operierten. 40 Agenten wurden vom
MfS rechtzeitig gewarnt und konnten sich durch Flucht in die DDR der Strafverfolgung
entziehen. Dass der BND
zuvor bereits mit Stiller in Kontakt gestanden hatte, wird angezweifelt und in
die Kategorie Selbstdarstellung einer überraschten Behörde eingeordnet.
Aus der
Perspektive eines Überläufers ist eine vorherige Kontaktaufnahme mit der anderen
Seite nämlich ein zusätzliches Risiko. Es sei denn, die andere Seite müsste bei
der Flucht Hilfe
leisten. Bei Stiller war dies aber nicht notwendig.
Die Informationen, die ein flüchtender Überläufer der
Gegenseite übergeben kann, sind naturgemäß begrenzt und unterliegen einer äußerst
kurzen Halbwertzeit (ihr Wert schwindet rapid). Danach wird der Überläufer für
den Dienst eher zur Belastung. Man muss den Überläufer schützen, ihm eventuell
eine andere Identität geben usw. Stiller wurde in Abwesenheit von der
DDR-Justiz zum Tode verurteilt und ein Stasi-Kommando sollte ihn finden und
entführen oder töten. (Die CIA z. B. entführte Hunderte missliebige Personen und
beförderte sie in die USA oder in kooperierende andere Staaten.)
Im Roman
»Faule Eier« beschreibt der Geheimdienstmann Eichenberger eine derartige Situation so:
Sie wusste, hier fand in
einer für Sir Alec offenbar äußerst wichtigen Sache ein Verhör statt, das
Agenten in dieser Welt nur dann erleben, wenn sie der Kollaboration mit dem
Feind verdächtigt werden.
Konnte sie diesen unterschwelligen Verdacht nicht vollständig ausräumen, so
würde der schöne und interessante Job an der Seite von Richard zerplatzen wie
eine Seifenblase. Das könnte sie noch verkraften, denn sie kam aus wohlhabendem
Haus. Doch würden Herren wie dieser Sir zu der Erkenntnis kommen, dass sie ein
doppeltes Spiel spielte, sie müsste um ihr Leben fürchten. Doppelagenten werden
nämlich selten erschossen. Sie verunglücken mit Autos, stürzen mit Flugzeugen ab
oder befinden sich plötzlich auf Schiffen, die in schwerer See untergehen. Auch
das wäre nicht so schlimm. Doch man ließe sie noch ein paar Jahre in dieser
Gewissheit leben, dass dort, wo sie hinflüchten würden, der tödliche Unfall auf
sie wartete.
Den beiden
KGB-Agenten, welche 1989 Daten der
DDR-Auslandaufklärung an die CIA verkauften, ging es übrigens genauso, wie
Eichenberger dies beschrieb. Beide starben unter mysteriösen Umständen.
Auch Stiller, der Überläufer, wird dies gewusst haben. Im
Rückblick (mit dem Untergang der DDR) relativiert sich der gesamte Krieg der
(deutschen) Schlapphüte sowieso.
Geheimdienste versuchen, ihre Verräter jedoch nicht
aus Rache zu töten, sondern aus rationalen Überlegungen. Während der enttarnte Agent noch als Austauschobjekt wertvoll
werden kann, ist der Überläufer bereits
aus rechtspolitischen Erwägungen heraus nicht austauschbar. Die Verfolgung der
Verräter geschieht als Signal in den eigenen Dienst hinein. Denn je höher ein
Mitarbeiter in der Hierarchie eines Geheimdienstes steigt, desto wertvoller ist
er für die Gegenseite. Und immerhin: Mit dem Überlaufen kann man Ehekrisen,
finanzielle Sorgen, Frust mit der Behörde oder alles zusammen schlagartig
beseitigen.
Wissen aber die Mitarbeiter eines Geheimdienstes, dass der
Apparat sie bis ans Ende der Welt als Verräter verfolgen wird, relativieren sich
derartige
Verlockungen.
Der Überläufer durch Andienung bleibt im Einflussbereich des
Apparates, den er verrät und wird damit zum
Doppelagenten. Ein gefährliches
Spiel.
Es ist ein Fall bekannt, bei dem ein BRD-Bürger sich beim
MfS als Spitzel beworben hatte und genommen wurde. Im damaligen West-Berlin
kundschaftete er dann Angriffe auf die Grenzanlagen aus. Irgendwann wurde ihm
die Tätigkeit zu langweilig oder zu gefährlich und er diente sich dem
britischen Geheimdienst an. Der MI6 übergab den Mann an die westberliner
Behörde. Der Staatsschutz vertraute den Überläufer einem Agenten an, der selbst
Spion der DDR war. Die Eigensicherung bundesdeutscher Behörden ließ nämlich
schon immer stark zu wünschen übrig. So wurde der potentielle Doppelagent sofort
für beide Seiten zur lahmen Ente. Folglich sperrten ihn die Westberliner wegen
landesverräterischer Tätigkeit erst einmal weg.
Nach der Entlassung diente sich der verbrannte Doppelagent
dem CIA an, der ihn ausbildete und nach Bulgarien schickte. Fast hätte er seinen
Auftrag erledigt, doch da wurde ihm die Sache wieder zu gefährlich und er lief
zum bulgarischen Geheimdienst über. Dieser fragte in der DDR nach Erkenntnissen
an, fand welche und verurteilte den Mann zwischen allen Fronten zu 15 Jahren
Haft. Nach drei Jahren starb er an einem angeblichen Selbstmordversuch und drei
bis vier Geheimdienste schlossen ihre Akten.
Geheimdienstarbeit hinter den Fronten ist eine gefährliche
Tätigkeit, weil der Agent grundsätzlich auch dann verhaftet werden kann, wenn er
nichts falsch macht. Die eigene Behörde ist nicht sicher, der Einsatz wird
verraten usw. Ein Doppelagent setzt sich diesem strukturellen Risiko doppelt
aus.