Unter Spionage versteht man das Ausspähen unbekannter, für
den Spion nicht zugänglicher Informationen.
Alle Staaten bemühen sich mehr oder minder stark, über
Geheimdienstmitarbeiter an politische, wirtschaftliche bzw. militärische
Informationen zu gelangen. Die Lageberichte der jeweiligen Botschaften und
Landesvertretungen sowie die Befragung von Reisenden oder Flüchtlingen durch
Geheimdienstmitarbeiter sind mit dem Wort Spionage nicht richtig erfasst.
Vielmehr fällt dieses unter die normale nachrichtendienstliche Tätigkeit.
Im militärischen Bereich in Bezug auf Manöver und
Truppenbewegung kann sich ein Geheimdienst über eine Vielzahl von
»Spaziergängern«, die keine besondere Ausbildung haben, ein Lagebild
verschaffen. Jeder dieser »Spaziergänger« notiert sich Ort, Zeit, Anzahl und
Kennzeichnungen von zufällig passierten Militärfahrzeugen. Die Summe aller recht
banalen Informationen ist dann mehr als ihre Addition. Ergänzt mit
Satellitenfotos können nämlich so militärische Lagen des anderen Landes
analysiert werden. Im Rahmen der Abrüstungsvereinbarungen wird damit im ewigen
Spiel »Spion gegen Spion«
auch kontrolliert, ob die vereinbarten Truppenstärken und Manöverangaben stimmen. Derartige Spione gewähren zu lassen, kann deshalb auch
vertrauensbildend wirken.
Im Bereich der Konkurrenzanalyse können Spezialisten mit
ähnlichen Mitteln umfangreiche Informationen sichern. Die angewandten Mittel
sind allesamt legal. Man führt mit derzeitigen oder ehemaligen Mitarbeitern des
anvisierten Unternehmens Gespräche. Besonders die verärgerten ehemaligen
Mitarbeiter der entsprechenden Leitungsebenen werden anlässlich einer Einladung
zum Essen, zu einer Party auf eine Yacht, einer Protektion in den Golfclub sehr
gesprächig. Wohlgemerkt, keiner dieser Personen beabsichtigt, Betriebsgeheimnisse
zu verraten, geschweige denn zu verkaufen. Und niemand von ihnen käme auf die
Idee, dass der Gesprächspartner sich ausschließlich auf Grund dieser
Informationsgewinnung mit ihnen getroffen hat. Doch eine Analyse von mehreren
zielgerichteten Unterhaltungen mit unterschiedlichen Personen ergibt für
Fachleute ein erstaunlich genaues Bild, was das Zielunternehmen beabsichtigt
(Produkte, Märkte etc.) und mit welchen Schwierigkeiten es zu kämpfen hat.
Militär, Politik und Wirtschaft sind deshalb weit vor dem in
den sensitiven Bereich eindringenden Spion dabei auszukundschaften. Das funktioniert
in allen Bereichen, in denen eine Vielzahl von Personen arbeitsteilig
beschäftigt ist.
Im Roman »Faule
Eier« beschreibt der Geheimdienstmann und Abwehrspezialist auf dem Gebiet
Wirtschaftsspionage
Eichenberger dezidiert, mit welchen Mitteln potente Geheimdienste
Wirtschaftsspionage betreiben. Und im diesbezüglichen Interview zum Roman
meint er in Bezug auf die Tätigkeit des CIA:
»Was glauben Sie, um was die sich kümmert? Um
rumänische Kleinkriminelle, um orientalische Teppichhändler...?
Natürlich hat man den Eindruck, dass derzeit die Bekämpfung des
Terrorismus und die dazugehörenden Finanztransaktionen Vorrang
haben. Die Abschöpfung von Know-how war aber schon immer
originäre Aufgabe des Dienstes und dabei handelt es sich nicht
nur um militärisches Wissen. Die Strukturen, die ich in meinem
Roman aufzeige, existieren real, hier und heute und sind nicht
einfach erfunden...«
Und in Bezug auf die Helfer meint Eichenberger:
»Generell ist im Bereich der
Wirtschaftsspionage keiner zu klein, Helfer zu sein. Bei den
Haupttätern heißen die Waffen aber nicht Generalschlüssel,
sondern Wissen, Reputation und erschlichenes Vertrauen.«
Die Schäden für die jeweiligen
Wirtschaftsunternehmen sind immens. Ob dagegen irgendein
Militär weiß, ob es im Nachbarland 100 oder 123 Panzer gibt,
ist so unwichtig wie der umgefallene Sack Reis in China. Doch
die gesamte, zum Teil paranoide Militärclique hat sich
nach dem Ende des Kalten Krieges krampfhaft neue Feindbilder
gesucht und so bleibt alles beim Alten.